Liebhaber klassischer Stahlrahmen-Fahrräder finden bei Le Vélo in Hamburg ein Kleinod der besonderen Art. Senad Sarac sammelt seit Jahren antike Fahrradteile, vom italienischen Rennradrahmen aus den 20er Jahren, Fahrradleuchten aus Paris aus dem Fin de Siècle oder Lenker von Schweizer Postfahrrädern aus den 40er Jahren – überall auf seinen Reisen entdeckte Senad wunderbare Einzelteile und Fahrräder, die alle eins gemeinsam hatten:

In solider Handarbeit hergestellt und teilweise aufwendig verziert schlummerten sie seit vielen Jahren ausrangiert und oft in einem bedauerlichen Zustand in einem Dornröschenschlaf vor sich hin. So entstand eine riesige Sammlung von historischen Einzelstücken aus der Zeit zwischen 1895 und 1970.

Unverkennbare Details eines Le Vélos

Die restaurierten Le Vélo Räder sind freie Interpretationen klassischer Fahrräder. Einige Komponenten geben den Rädern unverkennbare Merkmale: Den Herrenrädern ist zum Beispiel der längst vergessene, aber immer noch praktische Tragegriff aus Leder über dem Tretlager gemein. Griffe und Pedale sind meist aus Holz neu gefertigt und der obligatorische Ledersattel gehört zur Grundausstattung. Die Messingschrauben sind ein besonderer Hingucker.

Interview

Ich hatte das Vergnügen, Senad in einem Interview persönlich kennenzulernen:

© Le Vélo Dennis Löffka

Kannst Du Dich an Dein erstes Fahrrad erinnern?
Ja klar, natürlich! Das ist ein altes Dürkopp Vorkriegsrad, welches ich in der Elbe gefunden habe. Ich war damals um die 15 Jahre alt und versuchte es dann zu reparieren. Das Rad habe ich heute noch.

War das Erlebnis der Grundstein für die Fahrrad-Faszination?
Ja, mit diesem Rad hat vieles angefangen. Ich habe mich dann für andere, kaputte Räder und deren Technik interessiert. Mit der Zeit artete es dann immer weiter aus.

© Le Vélo Dennis Löffka

Heute verkaufst Du in Hamburgs bester Lage Deine Fahrradunikate. Wie hast Du angefangen aus der Fahrradrestauration ein Geschäft zu machen?
Seit über 19 Jahren sammle ich Fahrradteile. Vor zwei Jahren habe ich dann angefangen, daraus beruflich etwas zu machen und es einfach mal zu probieren. Es fing ganz klein an. In der Werkstatt habe ich zwei Räder fertig gemacht und geschaut, ob sie jemand haben möchte.

© Philip Simon
Irgendwie erschien mir das zu unprofessionell, und da habe ich gleich fünf Räder fertig gemacht. Es kam dann tatsächlich auch jemand und kaufte ein Rad. Das hat mich motiviert weiter zu machen.

Wir verkauften Fahrräder wie Fische.

Auffällig ist Dein „Marktwagen“, auf dem Du die Räder auf Märkten präsentierst.
Ja, das ist ein Fischmarktanhänger aus den 50er Jahren vom Hamburger Hafen. Den haben wir restauriert und dann Fahrräder wie Fische verkauft.
© Le Vélo Dennis Löffka

Alte Herrenrahmen sind rar. Wie kommst Du an die alten Teile und Rahmen?
Das ist nicht immer einfach, aber im Laufe der Zeit sammelt sich einfach einiges an. Vor dem Internet ging viel über Kontakte oder Kleinanzeigen. Hin und wieder verkauft ein Sammler auch mal seine kompletten Bestände.

Restaurierst Du die Räder frei nach Laune oder möglichst originalgetreu?
Ich schau, wie es passt. Im Großen und Ganzen ist das Rad in einem vorgegebenen Zustand. Rahmen, Gabel, Lenker oder auch Sattel sind ja meist vorhanden. Wir sind kein Museum. Mir geht es um Funktionalität, das Fahrrad soll hundertprozentig fahren und dabei gut aussehen. Der Kunde soll auf die nächsten Jahre glücklich mit dem Rad unterwegs sein.

Ich möchte dem Irrglauben auch etwas entgegensetzen, dass ein altes Fahrrad nicht gut fahren würde. Die Räder kombiniere ich mit neuer Technik, z. B. Automatikgetriebe oder LED-Licht, ohne dass dies auf den ersten Blick zu erkennen ist.
Heutzutage werden den Kunden neue Räder mit soviel unnützem Quatsch verkauft, der das Rad nur unnötig schwer macht und auf den man im normalen Gebrauch komplett verzichten kann.

Die Räder sind zum Fahren ja fast zu schade. Wer sind Deine Kunden?
Leute die 100% Qualität suchen. Ich übernehme die Garantie, dass der Kunde ein perfekt funktionierendes Rad erhält. Ansonsten gibt es nicht den typischen Kunden. Der jüngste Kunde war 14 Jahre, aber auch ein 80-Jähriger hat schon ein Le Vélo gekauft.

Wie stellst Du die Qualität der alten Komponenten sicher?
Alle Teile werden natürlich auf Herz und Niere getestet und gegebenenfalls nachgearbeitet, also verstärkt oder nachgelötet. Wir röntgen auch kritische Teile, um sicherzustellen, dass wirklich kein Riss vorhanden ist. Die Räder sind dann voll alltagstauglich.

© Le Vélo Dennis Löffka

Entwirfst oder produzierst Du auch neue Teile?
Wir sind ein absolutes Nischenprodukt. Vieles entsteht aus der Not heraus, weil es keine passenden oder gescheiten Teile mehr gibt. Bestimmte Teile wie die Holzgriffe oder -Pedale fertigen wir daher selber. Wir stehen hinter den Produkten und können durch die eigene Fertigung auch die Nachhaltigkeit sicherstellen.

© Le Vélo Dennis Löffka

Wie wichtig ist das Internet für Le Vélo?
Im Fokus stehen die Räder. Klar haben wir einen Internetauftritt, und der spiegelt unseren Qualitätsanspruch wieder. Die Bilder sind das Aushängeschild und natürlich kommen auch Kunden aufgrund der Webseite zu uns.
Der Laden ist ebenso wichtig. In der Werkstatt hat man ständig schmutzige Hände und verliert sich am Schrauben. Hier im Laden kann man sich auch ordentlich mit dem Kunden unterhalten.

Ihr habt vor dem Laden eine stilechte Kaffeebar auf einem Mini Cooper. Welche Rolle spielt Kaffee für Le Vélo?
Ich liebe Kaffee. Doch mit schmutzigen Händen zieht man nicht aus der Werkstatt zum Kaffee trinken. Darum haben wir uns überlegt, eine richtig gute Espressomaschine in die Werkstatt zu stellen, damit wir uns jederzeit selbst ordentlichen Kaffee brühen können. Als auch Nachbarn zum Kaffeetrinken kamen, haben wir uns gedacht, lass uns doch gleich ein Fahrradcafé aufmachen. Unser hoher Qualitätsanspruch an die Räder spiegelt sich auch im Kaffee wieder. Die Besucher finden es klasse, wie wir die Themen Fahrrad und Kaffee verbinden. —

© Le Vélo Dennis Löffka

Nach dem Interview probierte ich vom „Le Vélo – Kaffee“, den ich an dieser Stelle uneingeschränkt empfehlen möchte. So guten Kaffee bekommt man nicht alle Tage.

Wer in Hamburg ist, sollte sich einen Besuch bei LeVélo nicht entgehen lassen. Aber Vorsicht! Es besteht großes „Haben wollen-“ Risiko! Wer sich nicht gleich ein neues, altes Unikat-Rad leisten möchte, findet bei den Accessoires sicher etwas Schönes oder genießt einfach den leckeren Kaffee.

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