Schöne Fahrräder

VSF Reiserad TX-1200 mit Pinion im Test

Reiserad TX-1200 VSF Fahrradmanufaktur

Groß war die Freude auf das neue TX-1200 Reiserad. Ausgestattet mit Gates-Carbon-Drive Riemenantrieb und einer 18-Gang Pinion Gangschaltung bietet das Fahrrad aus der VSF Fahrradmanufaktur ein interessantes Preis-Leistung-Verhältnis. Vor der ersten Fahrt mussten dann leider erst einige Mängel behoben werden. Warum dieses Fahrrad auch sonst nicht uneingeschränkt zu empfehlen ist, lesen Sie in diesem Test.

Nach einer 1.000km Testfahrt mit dem Tanami von Tout Terrain stand fest: Mein nächstes Stahlrahmen-Fahrrad hat Pinion und Gates. Diese Kombination ist am Markt jedoch nicht sehr häufig vertreten, weil Riemenantrieb und Gangschaltung einen besonderen Rahmen benötigen. Bei Premium Herstellern wie Tout Terrain oder Patria wird für ein solches Fahrrad mindestens 5.000 – 6.000 € aufgerufen. Bei der VSF Fahrradmanufaktur gibt es das Ganze für fast die Hälfte. Wo liegen die Unterschiede?

18-Gang Pinion Gangschaltung und Gates Riemenantrieb

Das TX-1200 zeichnet sich vor allem durch das 18-Gang Pinion Tretlagergetriebe und dem Gates Riemenantrieb aus. Diese überzeugenden Komponenten wurde bereits ausführlich im Testbericht zum Tout Terrain Tanami vorgestellt und überzeugten in jeder Hinsicht. Die Pinion-Gangschaltung ist beim VSF Fahrrad fix am Rahmen verbaut und lässt sich nicht, wie bei Tout Terrain üblich, wie ein Exzenterlager zur Ketten- bzw- Riemenspannung verstellen. Stattdessen wird der Antrieb über einfache, verstellbare Ausfallenden gespannt, die zugleich auch der Öffnung des Rahmens zum Wechsel des Riemens dienen. Beides hat seine Vor- und Nachteile, insgesamt ist die Lösung von Tout Terrain aber eleganter.

GATES Riemenantrieb und Pinion Gangschaltung

Lumotec IQ-X — und es ward Licht

Der Frontstrahler Lumotex IQ-X von Busch und Müller mit angegebenen 100 LUX überzeugt. Auf einer 8-stündigen Nachtfahrt nach Schwerin habe ich die Leuchtkraft auch bei langsamer Fahrt durch Feld und Wiesen sehr geschätzt. Das Leuchtfeld ist optimal und in Kombination mit einem leistungsstarken Nabendynamo wird die volle Leuchtkraft schon bei ~15 km erreicht. Angenehmer Nebeneffekt auf der Straße: Autofahrer blenden spürbar früher ab. Das Design ist schön schlicht und mit dem passend verbauten Frontreflektor sogar StVO-konform, was nicht alle teuren Strahler sind. Problematisch ist der zu kurze Arm des Strahlers und die am Steuerrohr geführten Schaltzüge der Pinion, sodass der Strahler beim Lenken die Schaltzüge abgeknickt. So hätte das Rad nicht ausgeliefert werden dürfen. Das kompakte Rücklicht Toplight Line Plus, ebenfalls von B&M, überzeugend wiederum und bietet, wie auch der Frontstrahler Standlicht. Leider besteht bei der offenen Kabelführung zum Rücklicht die Gefahr es leicht abzureißen.

Frontstrahler Lumotex IQ-X von Busch und Müller

Das kleine Kraftwerk — SP PV-8 Nabendynamo

Versorgt wird die Lichtanlage mit dem Nabendynamo Shutter Precission PV-8. Der kompakte Nabendynamo erhält gute Kritiken, ist sehr leicht und soll einen hohen Wirkungsgrad haben (Vergleichsmessungen). Bei mir muss es sich um ein Montagsgerät handeln. Beim Fahren gibt es ohne Last teilweise deutliche, mahlende Geräusche, die bei eingeschaltetem Licht leiser werden. Insgesamt läuft er schwergängig, was sich beim Austausch des Vorderrads gegen ein normales Laufrad bestätigte. Seit über 3 Monaten warte ich jetzt schon auf ein Austauschrad von VSF, kann also noch nicht sagen, ob es nur ein Einzelfehler ist. Auf der VSF Webseite heißt es übrigens fälschlicherweise noch, das Rad hätte einen SON Dynamo. Dieser wird aber leider nicht mehr verbaut.

 Nabendynamo Shutter Precission PV-8

Magura HS33 Felgenbremsen

Die hydraulischen Felgenbremsen mussten gleich am ersten Tag Ihre Leistung unter Beweis stellen: Vollbremsung in der Stadt mit über 20 kg Gepäck bei 25km/h, weil ein Auto die Vorfahrt nahm. Das TX-1200 kam sicher zum Stand. Auch auf Bergabfahrten jenseits der „üblichen Fahrgeschwindigkeit“ zeigten die Bremsen keine Schwächen. Natürlich kann die Bremsverzögerung nicht mit Scheibenbremsen mithalten, aber wer nicht gerade voll beladen rasante Bergabfahrten bei Regen riskiert, sollte so schnell nicht an die Leistungsgrenzen kommen. Für den Preis des Fahrrades sind die Bremsen in Ordnung.

Magura HS33

Ergonomie mit Lenker, Sattel und Pedale

Den Selle Royal Scientia Sattel habe ich durch einen Brooks B66 Ledersattel ausgetauscht, da sich dieser für mich als idealer Reisesattel herausgestellt hat. Hier werden die meisten Fahrer „ihren“ Lieblingssattel verbauen, sodass hier nicht weiter darauf eingegangen wird. Der erhöhte Vorbau (seit 2018) und der Ergon GP3 Griffe bieten eine komfortable und zugleich direkte Lenkung. Die „Hörnchengriffe“ habe ich auf einer 23-stündigen Fahrt sehr geschätzt. Die verschiedenen Griffpositionen helfen monotone Belastungen zu vermeiden. Die mitgelieferten Folterpedale bieten viel Grip mit null Komfort. Ich bevorzuge Komfortpedalen, die sich auch mit Sandalen treten lassen. Da bei diesen Komponenten jeder seine sehr individuellen Vorlieben hat, haben diese keinen Einfluss auf die Bewertung.

Ergon GP3 Griffe

Gepäckträger und weitere Anbauteile

Die Front- und Heckgepäckträger von Tubus sind sehr stabil und erfüllen Ihren Zweck. Leider hatten die Gepäckträger aus gepulverten Stahl bereits nach 8 Wochen erste Roststellen an den durch die Verschraubungen abgeplatzen Lack. Aber für den Preis des Fahrrades darf man kein Edelstahl erwarten. Die SKS Kunststoff-Schutzbleche rosten zumindest nicht und tragen wenig zum Gesamtgewicht von 17 kg bei. Leider ist das Vordere mit 2mm Abstand zum Rad zu eng moniert.

Der Pletscher Comp Hinterbauständer ist robust und lässt das TX-1200 auch mit viel Gepäck stabil stehen. Auch positiv: Zum Schutz der Hose gibt es trotz Riemens einen schlichten Kettenschutz. Zwei Trinkflaschenhalter gehören zum Lieferumfang. Weitere Komponenten wie der Ritchey Comp Logic Steuersatz, die vergleichsweise leise laufende Shimano XT Hinterradnabe oder die Exal MX 19 Felgen gehören nicht zum High-End Segment, sind für den Preis aber in Ordnung. Die mitgelieferte Klingel war bereits bei Auslieferung kaputt und wurde durch die eine einfache Widek Klingel ersetzt.

Diese Klingel gehört nicht zum Lieferumfang, die Mitgelieferte war kaputt.

Die Bereifung mit Schwalbe Marathon Mondial mit 47-622 ist vor allem abseits der befestigten Straßen vom Vorteil und bietet viel Grip. Wer viel auf festen Straßen unterwegs ist, der wünscht sich vielleicht schlankere und leicht laufendere Reifen.

Premiumhersteller?

VSF Fahrradmanufaktur wirb mit Begriffen wie Premium, Manufakturqualität, Sorgfalt, Qualitätshersteller oder Handwerkskunst. Leider liegen hier Wunsch und Wahrheit etwas auseinander. VSF hat keine eigene Rahmenproduktion und soll die geschweißten Rahmen aus China einkaufen. Nur die Endmontage der Komponenten findet in Deutschland statt. Was ich nach dem Auspacken zu sehen bekam, entsprach nicht meinem Verständnis von Premium: Ein lieblos zusammengeschraubtes, nicht fahrbereites Fahrrad.

Dinge waren falsch montiert, Schrauben liefen am Riemen, der Lenker ließ sich nicht richtig einschlagen, weil der Frontstrahler die Pinion-Schaltzüge abknickte und vor allem, der Riemen lief nicht gerade und wollte vom Ritzel ablaufen. Bei diesem Rad hat nicht nur die Endkontrolle versagt, auch konstruktiv sind einige Details nicht ordentlich umgesetzt. Vieles Kleinigkeiten, die sich schnell korrigieren ließen, aber bei einem Fahrrad über 3.000 € kann man mehr Sorgfalt erwarten.

Reisefahrrad TX-1200

Fazit zum TX-1200

Die Liste der Spezifikation liest sich gut, das Preis-Leistungs-Verhältnis passt und das matt-schwarze Design gefällt mir. Nach mehreren tausend Kilometern mit dem Rad gibt es aber ein wesentliches Problem: Das Fahrrad läuft ungewöhnlich schwer. Riemen und Pinion-Gangschaltung haben natürlich nicht den Wirkungsgrad eines Singlespeed Fahrrades mit Kette, aber verglichen mit dem Tanami läuft es spürbar schwerer. Etwas Besserung brachte der Ausbau des Nabendynamos. Vielleicht sind auch noch die Reifen verantwortlich. Unabhängig davon: Über 3.000 € für ein Reiserad sind kein Schnäppchen. Wer ein echtes Expeditionsrad sucht, sollte bereit sein, mehr Geld dafür anzulegen und sich bei Herstellern wie Patria oder Tout Terrain umsehen. Auch hier gilt: Wer billig kauft, kauft zweimal!

Weitere Informationen

Stahl-Rad.de Bewertung
  1. Tomas

    Ich habe auch ein VSF 1200. Es fuhr sich auch sehr schwer. Als wenn Honig im Getriebe war. Rollen war okay. Ich bin mehrmals einen Berg ohne treten runtergerollt und habe es mit meinem anderen Rad verglichen. Kein Unterschied. Inzwischen habe ich die Riemenspannung verringert und das Hinterrad exakt in der Flucht ausgerichtet. Nun fährt es sich deutlich leichter. Aber mein nächstes Rad wird wieder ein Rohloff Rad mit Kette und Scheibenbremse. Da habe ich auf meinen Radreisen mehr vertrauen.

    • Kommentar des Beitrags-Autors

      Philip Simon

      Hallo Thomas,

      vielen Dank für Dein Kommentar. Die Ritzel waren ab Werk auch bei mir nicht in der Flucht, aber das allein war nicht das Problem. Eine geringere Riemenspannung verbessert zwar etwas den Wirkungsgrad, aber bei kleinen Gängen muss dieser das ganze Drehmoment aufnehmen und kann dann leicht überspringen. Inzwischen habe ich das TX-1200 auf Kette umgebaut und der Wirkungsgrad ist deutlich besser. Wer Wert auf einen möglichst hohen Wirkungsgrad legt, sollte auf Riemen zu verzichten. Die Verluste von einer Nabenschaltung oder der Pinion summieren sich mit den Riemenverlusten. So schön sauber die Sache mit einem Riemen auch ist, für mich hat er sich nicht bewährt und kostet zuviel Kraft. Für ein Stadtrad und auf Kurzstrecke ist er ok.

  2. Tomas

    Hallo Philip,

    ich habe inzwischen meinen Expedionspanzer VSF 1200 auch auf Kette umgebaut. Es war überraschend. Ich habe mich rauf gesetzt, in die Pedale getreten und es ist losgefahren. Nicht mehr dieser Gummi Effekt beim Beschleunigen. Große Klasse.

    Inzwischen bin ich 1500 km mit der Kette gefahren und muss sagen: „Es hat sich gelohnt“. Nie wieder Pinion und Riemen.

    Gruß Tomas

    • ralf treede

      Hallo Thomas, bin seit kurzer Zeit stolzer Besitzer eines 2015er TX1200, Pinion mit Kette. Wenn man das hier so liest bin ich ja doch froh über die Kette. Ich habe mal von Problemen mit den Ausfallenden gehört – bezog sich das auf die verstellbaren Ausfallenden? Bist du sonst zufrieden mit dem Fahrrad?

    • Kommentar des Beitrags-Autors

      Philip Simon

      Hallo Ralf,
      ich habe mein TX1200 ja von Riemen auf Kette umgebaut und bin seit dem auch mit dem Rad und den restlichen Komponenten zufrieden. Die Ausfallenden bei meinem 2018er Modell machen keine Probleme. Wie im Artikel geschrieben, war damals jedoch der Auslieferungszustand mit den Mängeln nicht in Ordnung. Dafür kostet das Rad aber ja auch deutlich weniger als vergleichbare Räder mit Pinion.
      Gruß
      Philip

  3. Susanne

    Leider lese ich erst jetzt diese Kommentare, habe mir ein TX 1200 gekauft mit Gate und komme einfach nicht vom Fleck, bekomme er noch Knieprobleme.
    Kann mir jemand sagen was der Umbau auf Kette gekostet hat?

  4. Thomas

    Meine Frau und ich haben uns 2008 zwei Räder von VSF Fahrradmanufaktur gekauft, ein Treckingrad und ein Stadtrad. Den Eindruck der lieblosen und schlampigen Montage („Montag-e“, hihi) muss ich leider auch bei unseren Bikes bestätigen. Ebenso die unstimmige Auswahl der verbauten Komponenten. Ein vorher sinnlos gekauftes Baumarktrad war besser zusammengeschraubt, für ein Zehntel des Preises, auch wenn es sich dann als überhaupt nicht alltagstauglich erwiesen hat – eben Schrott ab Werk mit nicht erfülltem Gebrauchswertversprechen, einzig und alleine hergestellt und angeboten für die Motivation zum Kaufakt. Doch damit ist das arme namenlose Baumarktrad keinesfalls alleine, sondern befindet sich in allerbester Gesellschaft.
    Ich berichte hier mal über mein VSF-Rad und ein paar Erlebnisse aus 12 Jahren Alltagsbetrieb – 2 x 4 km Arbeitsweg werktags bei Wind und Wetter und auch sonst wurde viel mit dem Rad erledigt, was ja erst mal für das Produkt spricht.
    Leider werde ich mich bald von diesem Rad trennen müssen und schaue mir jetzt spätabends im Internet tolle teure Räder mit Stahlrahmen an. Und bin hier gelandet und habe mit einigem Interesse und der einen oder anderen niederen Emotion den obigen Bericht über den Stolz der deutschen Fahrradhändler gelesen. Dachte schon, ich wäre bereits so ein verbitterter alter Sack, aber geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid. Ursprünglich wähnte ich beim Kauf, das VSF-Fahrrad wäre von dem Tag an einfach „mein Rad’l“, so wie früher, nur diesmal halt bis zur Rente, aber ätsche-bätsche, Du sollst nicht denken.
    Die Nabenschaltung geht gerade zum zweiten Mal kaputt und ich habe keinen Bock mehr auf den Bock. Ab Werk gab’s eine SRAM 9-Gang, schön gleichmäßig abgestuft, die sich aber nie richtig sauber einstellen und schalten lassen wollte, besonders böse und gefährlich irgendwann die sich häufenden Leertritte, begleitet vom Krachen im Getriebe. Dann halt eine Shimano 8-Gang einspeichen lassen (das Modell aus der „besseren“ Linie), die mittlerweile sehr seltsame Lagergeräusche macht. Am Rad meiner Frau fing die ab Werk verbaute Shimano-Nabenschaltung übrigens schon nach 300 km (sie ist anfangs nicht viel gefahren) an, fürchterlich zu quietschen – Getriebeabdichtung defekt, innen alles verrostet – Austausch. Im Frühjahr habe ich heuer beim Automeister an meinem (für „leichtes Gelände“ ausgelegten) Treckingrad das gerissene Sattelrohr schweißen lassen. Na gut, das ist ganz eindeutig meine eigene Schuld, warum musste ich auch unbedingt zwischendurch einen Kindersitz montieren. Dafür konnten wenigstens die hydraulischen Magura-Felgenbremsen mit dem Zusatzgewicht Kind so richtig zeigen, was so geht. Nur ist dummerweise bei einer Notbremsung (Auto mißachtet Vorfahrt auf Radweg) vorne ein Bremsklotz rausgeflogen und hat den popeligen Kunststoff-Bremsklotzeinrastpopel am Bremskolben mitgerissen. Zum Glück noch mit der hinteren Bremse zum Stehen gekommen, aber dann eben den ganzen Bremsdingsbums getauscht, mit „Royal Blue“-Hydraulikflüssigkeit und allem Pipapo. (Zwischenfrage: Wie repariert man eigentlich Hydraulikbremsen in der Pampa?) Doch zurück zum Bremsen-Grundproblem: Die schiere Kraft der Bremse weitet deutlich sichtbar an den Bremsaufnahmen die Holme der von VSF verbauten „verstärkten“ Gabel, aber da bei dem Treckingrad breitere Schwerlastfelgen (mit Ballonreifen) in verbreiterten Gabelmaßen verbaut sind, passen die beliebten Magura-Brakebooster nicht, die evtl. so etwas verhindern können. Nutzt sich der Gummi zu sehr ab, fliegt er dann eben im Ernstfall weg, weil er aus der Führung rutscht.
    Der Pletscher-Gepäckträger hingegen ist recht solide und ich habe ihm nix geschenkt, leider leiert schleichend die dazugehörige Pletscher-Systemplatte aus – ich habe eine Box montiert und die klappert munter vor sich hin, da die hintere Kunststoffnase der Halteplatte eine Fehlkonstruktion ist – wobei: Eigentlich ein echtes Sicherheits-Feature, denn ich fahre regelmäßig über einen Campus mit vielen geistig abwesenden Smartphone-Usern.
    Absolutes Highlight war dann, dass ich fast ein Auge verloren hätte:
    VSF hat als Erstausstattung Billig-Schläuche von Continental verbaut, die kein auswechselbares Ventil (französische Bauform) haben, sondern angegossene Druckgußteile. Bei einem dieser Billig-Ventile brach dann der Messingstößel ab und der Ventileinsatz flog mir mit Schmackes ans Nasenbein. Wow, das war zwar knapp, aber immerhin lehrreich!
    Der Chainglider ist auch noch so ein trauriges Kapitel. Die eigentlich praktischen Teile gehen bereits nach einem Jahr aus der Form und man muss dann mit Kabelbindern und kleinen Spreizdübeln nachhelfen, doch viel schlimmer: Der Dreck geht rein, aber will einfach nicht mehr raus. Mit den Sandpartikeln und dem Fett der Kette bildet sich dann eine schöne Schleifpaste. Diese Paste schleift einseitig die Kettenstifte ab und die Kette längt sich gehörig. Und zwar so, dass sie irgendwann durch die kurzen Ausfallenden am Hinterbau nicht mehr ausreichend nachgespannt werden kann. Umstieg auf eine härtere Kette und Ölen statt Fetten hat den Prozess etwas verzögert. Leider musste in der Folge die Tretkurbel getauscht werden, Verschleiß ist halt immer irgendwo und man kann ihn nur verlagern. Nur war VSF hier ganz besonders schlau – gelle – und hat nicht etwas eine Kurbel mit verschraubtem Kettenblatt verbaut, das sich einfach auswechseln ließe, sondern – ratatata – eine Kurbel mit vernietetem Blatt: Genial, denn wenn das Blatt durch ist, heißt es Kurbel raus, und am besten auch gleich das BSA-Lager, ist ja sowieso im Set dabei. Billig-Kram, der auf Dauer teuer wird.
    Über die Bumm-LED-Lichtanlage mit Standlicht (damals der absolute Hot-Shit) kann man noch berichten, dass – abgesehen von der viel zu niedrigen Positionierung des Scheinwerfers über dem schattenwerfenden vorderen Schutzblech, so dass dieser vor allem den Reifen beleuchtet (probiert das keiner bei der Entwicklung aus?) – leider immer mal die Steckklemmen am Rücklicht und der Stecker am SRAM-Nabendynamo Probleme bereiteten. Vorzugsweise nachts und bei Regen, is ja logisch. Na dann eben schnell anlöten – aber Fehlanzeige, Steckkontakte und Kabelschuhe sind aus edlem Edelstahl, das lässt sich nicht so einfach löten. VA ist ja schön, bringt nur nix, wenn das Kupfer dann munter vor sich hin oxidiert.
    Zu guter letzt haben sich auch die ergonomischen Gummigriffe als nicht langzeitstabil erwiesen, sie fingen mit der Zeit an, fürchterlich zu kleben. In Verbindung mit Wollhandschuhen wurden es dann hippe, aber Angst-vor-Krebs-erregende Wollfilzgriffe, nur will man das wirklich so genau wissen?

    Mein Fazit nach 12 Jahren mit dem VSF-Rad: Für das Geld lieber alle zwei Jahre ein Baumarktrad kaufen und dieses gleich wegschmeißen und zu Fuß weitergehen, vielleicht als Kunstwerk im Wald stehen lassen oder als ästhetische Ergänzung für eines der gescheiterten Leihrad-Projekte verwenden, auf die Umwelt und den Planeten ist eh‘ gepfiffen.
    Nein, ganz im Ernst: Ich werde teils trauernd, teils mit Freude das Kapitel VSF-Rad abschließen und setze das alte Diamant-Rad mit Einheitsrahmen vom Vater instand, das hält dann vielleicht doch noch bis zur Rente durch. Und bis dahin tut’s auch notfalls das 23 kg schwere Schweizer Militärvelo von 1941, den Metallklumpen muss man erst mal kaputtkriegen…

    • Kommentar des Beitrags-Autors

      Philip Simon

      Hallo Thomas,
      vielen Dank für Deinen ausführlichen Erfahrungsbericht zum VSF Rad. Da ging ja einiges schief und man fragt sich, warum die „guten, alten“ Räder 50 Jahre überdauern und Heutige bereits nach 1 bis 2 Jahren schwächeln. Auf jeden Fall sagt der Preis allein nichts über die Produktqualität aus, wobei das wahrscheinlich für alle Branchen gilt. Es ist jedoch ein Problem, wenn ein Hersteller seinen „Premiumstatus“ hervorhebt und dann nicht liefert.
      Ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Instandsetzung der alten Räder und trotzdem weiterhin viel Spaß beim Radfahren.

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