Der Frühling steht vor der Tür, und es wird Zeit für die erste lange Fahrradtour. Mein Ziel ist Gundelfingen nahe Freiburg, um den Fahrradhersteller Tout Terrain zu besuchen. Und was liegt näher, diese Strecke auf einem Tout Terrain Fahrrad zu bewältigen. Der Hersteller stellte mir für die Fahrt ein Tanami Xplore (Testbericht) zur Verfügung, mit dem es 1.000km über Berg und Tal durch Deutschland und Frankreich ging.

Singlespeed vs. 18-Gang Pinion

Das Tout Terrain Tanami Xplore steht im völligen Kontrast zu meinen klassischen Singlespeed-Tourenfahrrädern. Hochgerüstet auf den neusten Stand der Technik: Gates Riemenantrieb, 18-Gang Pinion Tretlagerschaltung und vielem mehr. Auf dieser Reise werde ich erfahren, welchen Vorsprung die Technologie bietet. Wird sie die alte Technik in den Schatten stellen oder werden die Wirkungsgradverluste der Komponenten spürbar sein? Sind mit dem Tanami entspannt über 200km am Tag zu schaffen oder wird mich möglicherweise das viele Schalten „aus dem Tritt bringen“?

Rhein, Mosel, Saar, Vogesen – eine kurvenreiche Fahrradroute

Um die Technik (und mich) herauszufordern, ging es neben den Flussfahrten entlang von Rhein, Mosel, Saar und Kanälen auch durchs Bergische und die Vogesen, wie die gefahrene Route zeigt: 

Live Tracking, Tourbilder und Instagram

Zum ersten Mal probierte ich ein Live-Tracking via LocaToWeb aus. So konnten Interessierte die Fahrt live miterfahren und Bilder von der Strecke sehen. Leider war der Server nicht immer erreichbar, sodass der Streckenverlauf nicht alle Punkte enthält und ich ihn auf zwei Tracks aufteilte: 1. Livetrack mit Bildern 2. Livetrack mit Bildern. Via Instagram gab es Bilder von der Tour unter dem Hashtag #4t1k (Tout Terrain Tanami Testdrive 1000 km).

Reisetagebuch

1. Tag: Varel — Münster · 211 km, 13 h
Bei frühlingshaftem Wetter startete die Tour durch das blühende Ammerland Richtung Bad Zwischahn und weiter über den alten Kleinbahn Wanderweg immer gen Süden. Die Umgestaltung alter Bahnlinien zu Radwegen ist ideal. Sie verbinden direkt Ortschaften und führen oft abseits der Straßen mitten durch die Landschaft. Der alte Baumbestand links und rechts des Weges spendet Schatten und schützt vor Wind. Auf dieser Tour wird der Weg noch häufiger über alte Bahntrassen führen. An der Thülsfelder Talsperre führte die Strecke auf kleinen Feldwegen und Anliegerstraßen vorbei an duftenden Rapsfeldern und saftig grünen Wiesen. Themenrouten wie die Artland-Rad-Tour verliefen entlang schöner alter Bauernhöfe und leicht hügeliger Landschaft.

Nachdem ich den Mittellandkanal, den Teutoburger Wald und ein Stück des Dortmund-Ems-Kanals hinter mir hatte, stand ich inmitten der Weiden vorm Flughafenterminal Münster/Osnabrück. Der Lärm, den so ein Flughafen verursacht ist stets beeindruckend. So war ich froh, wieder in die ruhigen, kleinen Flussauen von Ems und Werse zu radeln. Direkt vor den Toren Münsters übernachtete ich im Café Nobis, einem urigen alten Bahnhof. Ohne große Anstrengungen hatte ich heute die 200km geschafft, nur der gerade Lenker und die Griffe machten mir zu schaffen.

2. Tag: Münster — Eikamp (Bergisch Gladbach) · 158 km, 12 h
Die kleine Universitätsstadt Münster gilt als eine der Fahrradstädte Deutschlands und tatsächlich bewegten sich viele Menschen auf dem Zweirad durch die Stadt. Durch die Altstadt, vorbei am Schloss und am Ufer des überraschend großen Aasees war ich dann froh, die Stadt hinter mir zu lassen und den Ruhrpott anzupeilen. Der Dortmund-Ems-Kanal wurde zum ständigen Begleiter. Gern fahre ich entlang von Flüssen und Kanälen. Es ist ruhig und in flacher Landschaft gewährt der erhöhte Damm einen besseren Blick in die Landschaft.

Ohne es vorher bewusst geplant zu haben, stieß ich in Datteln auf die Route der Industriekultur, vorbei am Schiffshebewerk Henrichenburg und der beeindruckenden Zeche Zollern. Die dichtere Besiedelung und die vielen Kraftwerke zeigten unverkennbar, ich bin mitten im „Pott“. Der Themenradweg ist gut ausgebaut und bietet abwechslungsreiche Eindrücke.

Ab Witten sollte das Tanami zeigen, wie es sich im Bergischen Land bewährt. Das Rad und die Schaltung waren ausgezeichnet, allerdings überforderten mich Steigungen bis zu 17% als Flachländer und es fehlte mir an Kondition. Die beschauliche Altstadt von Lennep bei Remscheid zeigte sich in der für die Region typischen Schiefer-Architektur. Ab der großen Dhünntalsperre suchte ich nach einem Hotel und die Preise machten deutlich, weit ist es nicht mehr bis zur Messestadt Köln. In Eikamp fand ich das erstklassige, kleine Hotel (Hotel Eikamper Höhe), welches ich an dieser Stelle empfehlen möchte. Wer eine günstige und schicke Unterkunft etwas außerhalb von Köln (20km vom Zentrum) sucht, ist hier genau richtig.

3. Tag: Eikamp — Müden (Mosel) · 175 km, 12 h
Nach Köln bis an den Rhein konnte ich mich buchstäblich geradewegs runterrollen lassen. Vom Gewusel der Großstadt überfordert, war ich froh mich mit einem Freund am Rheinufer zu treffen. Er begleitete mich ein Stück mit seinem Liege-Dreirad und gab mir den Tipp, das Rheinufer bis Bonn auf der Ostseite zu befahren. Das erwies sich aufgrund der Schwerindustrie am anderen Ufer als bessere Wahl.

Ab Bonn reichten die Berge bis an den Rhein, leider zogen bedrohlich dunkle Wolken auf und in Andernach zwang mich ein Gewitter zur Pause. In der hübschen, kleinen Altstadt fand sich auch eine Eisdiele. Nach dem Schauer ging es weiter zum Deutschen Eck in Koblenz, dort wo die Mosel in den Rhein mündet. Schnell ein Erinnerungsfoto geschossen und weiter ging es flussaufwärts der Mosel. Hier zeigte sich ein ganz anderes landschaftliches Bild. Mitten durch Weinberge führte der Radweg durch kleine Orte und das schmale Flusstal. Die durchkommende Sonne ermutigte mich zur Weiterfahrt bis zu einem Hotel in Müden.

4. Tag: Müden — Schweich (Mosel) · 149 km, 10,5 h
Von einer Flussschleife zur nächsten ging es nun durch das Moseltal. Für Weintrinker ist es hier ein Paradies. Überall laden Winzer zur Weinverkostung ein und Gaststätten bieten direkt am Weg Erfrischungen. Auch Campingplätze finden sich in fast jeder Flussschleife. Der Moselradweg führt oft nahe der Bundesstraße durch das enge Tal. Wo es der Platz zulässt, führt der Radweg durch die unteren Weinbergwege. Die Steigungen sind mit der Pinion-Schaltung problemlos zu bewältigen.

Pfingsten und das schöne Wetter zog viele Menschen in die Region. Die Größe des Weinanbaugebietes hat mich überrascht. Allein direkt an der Mosel bleibt auf über 200km kaum ein Quadratmeter ungenutzt und ist er noch so steil. Nur über Zahnradbahnen gelangen die Winzer in den steilen Regionen zu Ihren Reben. Jeder Berg hat seinen Namen und er ist mit großen Lettern wie in Hollywood beschriftet. Vorbei geht es am schönen Traben-Trarbach, unter der beeidruckenden, sich noch im Bau befindlichen Hochmoselbrücke hindurch und weiter zum völlig überlaufenen Bernkastel-Kues. Mein Tagesziel heute ist Schweich.

5. Tag: Schweich — Hambach (Frankreich) · 143 km, 11 h
Die Eisheiligen lassen grüßen und nach den sonnenverwöhnten letzten Tagen startete der Tag mit frischen 6°.  Von der Römerstadt Trier hatte ich mir mehr versprochen, vielleicht auch die vielen fotografierenden Japaner. Schnell ging es weiter nach Konz, zur Mündung der Saar in die Mosel.

Die Saar ist idyllischer und die Landschaft nicht so intensiv bewirtschaftet wie an der Mosel. Trotz der Nähe zur Hauptstraße war es erstaunlich ruhig. Der Grund klärte sich schnell: Die Straße war von Konz bis Merzig auf über 40km komplett für Autofahrer gesperrt. Radfahrer wie Inliner bevölkerten die Straße zu Tausenden. Die SaarPedal findet einmal im Jahr im Rahmen der autofreien Rad-Erlebnistage im Moselland statt. Trotz Kälte und unbeständigen Wetters waren Jung und Alt glücklich an der frischen Luft unterwegs. So stelle ich mir das Post-Auto-Zeitalter vor.

Ab Merzig war der Saarradweg allerdings alles andere als schön. Die Landschaft wurde flacher und der Weg führte direkt neben der lauten Autobahn A8 bzw. A620. Städte wie Saarlouis oder Völklingen luden nicht zu einem Halt ein. Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte sieht zwar beeindruckend aus, als Radfahrer hätte ich mir diesen Teil der Strecke gerne gespart.

Erst in Frankreich wurde es wieder idyllisch. Trotz der vielen Radfahrer nahmen Einkehr- und Übernachtsmöglichkeiten schlagartig ab. Direkt hinter der Grenze ist vieles anders: Baustile, Straßenbild, Geschäfte. Allerdings fühlte ich mich sehr unwohl: Ohne Essen, weit und breit keine Unterkunft, kein Wort französisch sprechend und zu allem Überfluss im Grenzbereich kein Internet. Jetzt wurde es abenteuerlich. Zum Glück fand ich in Sarreguemines noch einen offenen Imbiss und irgendwann ging auch das Internet wieder. Ein unpersönliches Autobahnhotel in Hambach neben der Smart Produktion bot mir für die Nacht Unterschlupf.

6. Tag: Hambach — Marlen · 155 km, 10,5 h
So schnell wie möglich wollte ich das Hotel verlassen und konnte so noch den letzten Sonnenschein am Morgen genießen. Entlang des kleinen Canal de la Sarré  ging es durch seichte Hügellandschaft und große Wälder. Die vielen Schleusen am Kanal stehen in Sichtweite und jede wird von einem kleinen Schleusenwärterhäuschen bewacht. Das Befahren des Kanals muss eine sehr entschleunigende Angelegenheit sein. Östlich von Sarrebourg stößt der Kanal inmitten großer Seen auf den Canal de la Marne au Rhin. Allerlei Vogelarten tümmeln sich hier im Feuchtgebiet. In dem kleinen Ort fand ich endlich einen Bäcker, der gerade schließen wollte. Es war 11:58 Uhr und mit einem Fingerzeig auf die Kirchturmuhr ließen sie mich noch rein. Die Auslagen waren bereits weggeräumt, aber das letzte Schokocroissant gehörte mir und es war das Beste, was ich je hatte.

Die Vogesen kündigten sich an und die Landschaft wurde schroffer. Zwischen Arzviller und Saverne erwartete mich trotz Regens der schönste Abschnitt der Strecke. Ein alter, stillgelegter Abschnitt des Kanals wurde der Natur zurückgegeben. Überall wucherten Wasserpflanzen im Kanal oder rankten an verrosteten Schleusentoren. Die Schleuserhäuschen waren zum Teil liebevoll hergerichet oder sie wurden dem Verfall überlassen.

Im schönen Saverne gab es gleich das nächste Crossaint als Stärkung für die nun bevorstehende eintönige Strecke Richtung Straßburg. Die Häuser der Straßburger Vororte waren bunt gemischt, alte kleine Scheunen und Fachwerkhäuser neben modernen mehrstöckigen Bauten. Straßburg selbst war an diesem Feiertag völlig  überlaufen, doch die imposanten Bauten und das Flair machten Lust auf ein Wiedersehn. Zum letzten Mal überquerte ich bei Kehl den Rhein und war wieder auf deutschem Boden.

7. Tag: Marlen — Freiburg · 74 km, 5,5 h
Die Sonne zeigte sich erneut am Horizont und zum Ziel waren es nur noch rund 70km. Ein letztes Stück am sehr breiten Rheinufer entlang ging es nun Richtung Schwarzwald. Im kleinen Ort Rust führte der Radweg mitten durch den großen Europa-Freizeitpark unter Achterbahnen hindurch. Dann wurde die zunehmend dichtere Besiedelung des südlichen, weiten Rheintals immer deutlicher: Viel Verkehr zog sich durch die nahtlos ineinanderlaufenden Orte.

In Freiburg wurde es dann richtig voll und nach den Feiertagen hatten offensichtlich viele das Bedürfniss, endlich wieder einzukaufen. Besonders schön sind in der Freiburger Altstadt die „Bächle“, kleine Wasserläufe, die sich durch jede Straße ziehen.

8. Tag: Gundelfingen, Tout Terrain
Heute hieß es Abschied nehmen vom liebgewonnenen Tanami Xplore. Ziel der Reise war die Fahrrad Manufaktur Tout Terrain. Zum Besuch des Fahrradherstellers wird es in den kommenden Tagen noch einen eigenen Bericht auf Stahl-Rad.de geben. Am nächsten Tag brachte mich der Fernbus dann zurück in den Norden.

Fazit zur Reise und dem Tanami Xplore

Trotz des nicht immer optimalen Wetters hat die Tour viel Spaß und Abwechslung gebracht. Besonders gefielen mir das Bergische Land, der Moselradweg, der alte Kanal durch die Vogesen, französische Bäcker und Straßburg. Das Tout Terrain Tanami Xplore lief dank der Pinion und des Riemens auch bei Regen perfekt und trotz vieler Gangwechsel war die Strecke von über 1.000 km entspannt in einer Woche zu schaffen.

Weitere Informationen

 

Hinweis: Das Rad wurde für die Testfahrt von Tout Terrain als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Die gesamten Kosten für die Reise habe ich selbst übernommen. Ich stehe in keinem Verhältnis zum Hersteller und bewerte unabhängig das Fahrrad.